
AMS-Chef Johannes Kopf prognostiziert, dass bis 2050 in Österreich rund 120.000 Arbeitskräfte fehlen werden, bedingt durch den demografischen Wandel. Er betont die Notwendigkeit, länger zu arbeiten, mehr Frauen und Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren sowie KI und Digitalisierung als Chancen zu nutzen. Ein Transformationsfonds soll den Wandel unterstützen, während politische Maßnahmen und Investitionen dringend erforderlich sind.
In einem ausführlichen Interview mit dem Ö1 Journal am 18. April 2026 spricht Johannes Kopf, der Chef des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich, über die Herausforderungen des demografischen Wandels, die Zukunft der Arbeit und die Rolle von künstlicher Intelligenz (KI) im Arbeitsmarkt.
Johannes Kopf, 53 Jahre alt, erklärt, dass er aufgrund des aktuellen Pensionsrechts bis mindestens 65 arbeiten muss. Ob er darüber hinaus arbeitet, hängt davon ab, wie sehr ihm die Arbeit Freude bereitet. Er betont, dass er sich auch für andere Themen wie Fotografie und Musik interessiert und nicht ausschließlich am Schreibtisch sitzen möchte. Für künstlerische oder kreative Tätigkeiten sieht er keine persönliche Altersgrenze, während er bei öffentlichen Jobs eine Obergrenze nahe dem Pensionsantrittsalter sieht.
Kopf warnt eindringlich vor den Folgen des demografischen Wandels. Bis 2050 werden in Österreich etwa 120.000 Erwerbspersonen fehlen, trotz einer jährlichen Zuwanderung von über 30.000 Menschen. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in den Bundesländern außerhalb Wiens, wo die Bevölkerung und das Arbeitskräfteangebot deutlich zurückgehen werden. Wien hingegen wächst weiter und wird genügend Arbeitskräfte haben.
Die Gründe für den Arbeitskräftemangel liegen unter anderem in der gesunkenen Fertilität während der Corona-Pandemie, die sich nicht erholt hat, sowie in der begrenzten Möglichkeit, die EU weiter zu erweitern und so junge Arbeitskräfte zu gewinnen.
Johannes Kopf ist überzeugt, dass die Menschen in Österreich länger arbeiten müssen als bisher, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Die Regierung hat Maßnahmen wie die Aktivpension eingeführt, die steuerliche Anreize für ältere Arbeitnehmer bieten, länger im Beruf zu bleiben. Diese Maßnahmen sind finanziell attraktiv, etwa durch Freibeträge von 15.000 Euro pro Jahr und Einsparungen bei Sozialversicherungsbeiträgen.
Allerdings wird der Erfolg dieser Maßnahmen auch von der wirtschaftlichen Lage und der Nachfrage nach Arbeitskräften abhängen. Nicht alle Berufe sind für eine längere Beschäftigung geeignet, insbesondere körperlich belastende Jobs.
Neben der Verlängerung der Arbeitszeit sieht Kopf großes Potenzial in der besseren Einbindung von Frauen, Geflüchteten und älteren Arbeitnehmern. Er betont die Bedeutung flächendeckender und ganzjähriger Kinderbetreuungsangebote, um die Vollzeitbeschäftigung von Frauen zu erhöhen. Zudem fordert er eine stärkere regionale Verteilung von Geflüchteten, um die Arbeitsmarktintegration zu verbessern und die Abwanderung in Ballungszentren zu reduzieren.
Die Zuwanderung über die Rot-Weiß-Rot-Karte läuft schleppend mit etwa 8.000 Anträgen pro Jahr. Die Integration von ukrainischen Geflüchteten gelingt besser, doch insgesamt reicht Zuwanderung allein nicht aus, um den Arbeitskräftemangel zu beheben. Österreich steht im Wettbewerb mit anderen Ländern um qualifizierte Arbeitskräfte, wobei Sprachkenntnisse und Attraktivität des Landes entscheidend sind.
Das AMS erhält zusätzliche Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro für ältere Arbeitnehmer und 160 Millionen Euro für den Transformationsfonds, der den Wandel zu grünen Jobs, Digitalisierung und KI unterstützen soll. Johannes Kopf sieht in der KI eine disruptive Technologie, vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine oder Elektrizität, die den Arbeitsmarkt grundlegend verändern wird.
KI wird viele Tätigkeiten automatisieren, insbesondere qualifizierte Jobs wie Buchhaltung oder juristische Dienstleistungen. Gleichzeitig kann die Automatisierung die Nachfrage nach Dienstleistungen erhöhen, da diese günstiger werden. Kopf warnt jedoch vor dem Verlust von Fähigkeiten durch zu starke Abhängigkeit von KI und betont die Notwendigkeit, KI-Kompetenzen zu fördern.
Er verweist auf das Beispiel eines Anwalts, der durch KI schneller und günstiger arbeiten kann, was die Nachfrage nach juristischen Dienstleistungen erhöhen könnte. Die Kombination aus Fachwissen und KI-Nutzung wird künftig entscheidend sein.
Die zunehmende Nutzung von KI verändert die Arbeitswelt und stellt junge Menschen vor neue Herausforderungen. Kopf betont die Bedeutung von Ausbildung und Weiterbildung, um den Wandel zu bewältigen. Der Transformationsfonds soll auch für die Weiterbildung von Beschäftigten genutzt werden, um sie auf neue Anforderungen vorzubereiten.
Seit Jahresbeginn dürfen Arbeitssuchende nur noch in Ausnahmefällen geringfügig dazuverdienen, um sie schneller in reguläre Beschäftigung zu bringen. Erste Effekte zeigen, dass mehr Menschen in Vollzeitjobs wechseln konnten. Die Arbeitslosigkeit ist jedoch durch geopolitische Krisen wie den Iran-Krieg und die Ölkrise belastet, was die Situation verschärft.
Kopf schließt nicht aus, dass Kriseninstrumente wie Kurzarbeit wieder notwendig werden könnten, insbesondere in Branchen wie Luftfahrt und Tourismus.
Johannes Kopf macht deutlich, dass es keine einzelne Lösung für die Herausforderungen des Arbeitsmarktes gibt. Es braucht ein Bündel an Maßnahmen, darunter:
Nur so kann Österreich den prognostizierten Arbeitskräftemangel bewältigen und den Wohlstand sichern. Die Politik ist gefordert, jetzt die notwendigen Entscheidungen zu treffen und die finanziellen Mittel bereitzustellen.
Das Interview mit AMS-Chef Johannes Kopf zeigt eindrücklich, wie tiefgreifend der demografische Wandel und technologische Innovationen den österreichischen Arbeitsmarkt verändern werden. Die kommenden Jahrzehnte erfordern ein Umdenken in der Arbeitsmarktpolitik, um die Herausforderungen zu meistern und Chancen zu nutzen.
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